Goldener Delfin

Erste Filmanalyse - "Under Pressure"

Der Goldene Delfin 08 ist vorbei und viele fragen sich: Was macht einen Film zu einem außergewöhnlichen Film? Was kann ich besser machen? Um neue Aspekte eurer Arbeit zu erkennen und Feedback und Input zu sammeln gibt es nun die Goldener Delfin Filmanalyse. Ihr könnt euch mit eurem Film unter delfin@sonovista.com zur Analyse anmelden. Gestartet wird die Diskussion jeweils von Ip Wischin (Dramaturg, Regisseur und Vertreter der Jury beim Goldenen Delfin 08)


Der erste Film den wir uns genauer ansehen wollen ist "Under Pressure" von Daniel Stöffelbauer

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Antworten auf diese Diskussion

Die Macher des Films haben sehr gut verstanden, dass es in Filmen immer um ein Problem geht, und dass dieses Problem am besten gleich an den Anfang des Films gestellt wird.

Jetzt bedarf es noch einer konsequenten Durchführung und Zuspitzung des Grundproblems. Ein Beispiel für "Konsequente Durchführung" ist die Darstellung des Bäckermädchens in der Vorstellrunde der Therapiestunde: Wenn das Bäckermädchen nicht so hübsch und schlank wäre wie im Film, sondern eine recht übergewichtige Dame, dann wäre ihr Problem auch visualisiert - zugleich ist das ein sicherer "Lacher". Denn Humor beruht auf der Zuspitzung von Charakteren. Da empfiehlt es sich bis zur äußersten Konsequenz zu gehen. So müsste das Bäckermädchen eigentlich mit vollem Mund sprechen.

Das lässt sich sogleich auf unsere beiden Helden, das Pärchen mit dem "Wettbewerb-Komplex" übertragen. Zwar sprechen beide gleichzeitig, was schon ein guter Ansatz ist, doch in den Alltagsszenen tun sie alles eher leidenschaftslos. Ein Problem ist nur dann ein echtes Problem, wenn die Menschen darunter leiden. Dieser Leidensdruck wird hier aber nicht gezeigt. Der Subtext jeder Aktion der beiden sollte sein "Ich muss denn anderen übertreffen, koste es was es wolle!" - Das ist nicht wirklich konsequent durchgeführt.

Gleich die erste Alltagsszene, die die beiden beim Aufstehen in der Früh zeigt, ist inkonsequent und daher in der Aussage und Wirkung etwas schwammig. Die Kamera fährt am Boden entlang: wir sehen achtlos hingeworfene Wäsche und eine Whiskeyflasche. Die beiden werden als schlampige Säufer charakterisiert, was nichts mit der Story zu tun hat. In literarische Form übertragen lautete der Anfang der Geschichte so: "Es waren einmal zwei schlampige Säufer..." Das führt natürlich in die Irre und der Zuseher versteht das Problem nicht richtig. Wären die beiden wirklich so wettbewerbssüchtig, dann würden sie sich auch im Falten und Ordnen der Wäsche gegenseitig zu übertreffen suchen. Sie würden beide schon mit halboffenen Augen drauf lauern, dass der Wecker läutet, als wäre es die Startschusspistole beim 100-Meter-Lauf. Dass "er" einen hohen Weckerverbrauch hat und schon unzählige andere Wecker neben dem Bett liegen, ist ein Gag, der nicht funktioniert, weil er die Charakterisierung des Mannes hintertreibt. Dadurch wird das Problem plötzlich verschoben: "Diese Geschichte handelt von einem Mann, der nicht auf den Wecker hören wollte..."

- Daher mein Rat: Beim Filmemachen immer das zentrale Problem im Auge behalten und alles andere diesem Problem unterordnen. Es muss so stark wie möglich vergrößert und zugespitzt werden. So entsteht Humor und Spannung. Die Kunst darf es sich erlauben, durch Darstellung von Extremfällen ein Problem zu verdeutlichen, das in irgendeiner Form dann auf jeden Zuseher übertragbar ist.

Bei einem filmischen Problem ist es wichtig zu zeigen, was die beiden Gegner überhaupt zu Gegnern macht. Man spricht in der Filmdramaturgie von "trennender Prämisse". Bei "Under Pressure" ist es ganz klar, dass sich zwei Menschen mit krankhaftem Ehrgeiz gefunden haben.

Ebenso wichtig wie die trennende ist die "bindende Prämisse" - also zu zeigen, warum die beiden trotzdem noch zusammen sind. Und das dürfte in diesem Fall die Liebe oder die Erotik sein. Auch das muss gezeigt werden, damit man die Beziehung der beiden versteht.

Die Nebenfiguren und Details sind mit viel Liebe gezeichnet, was den Film sehr sympathisch macht. Fehlt nur noch - wie gesagt - die nötige Konsequenz beim Darstellen des Grundproblems.

Ip Wischin
Habe 15 Minuten spannende Minuten erlebt.
Nun einige Worte aus subjektiver Sicht dazu.
Die Aufnahmen und speziell dann der Schnitt ist sehr professionell gemacht und auch gelungen.
Im Nachspann waren einige Scenen aus der Filmerstellung ersichtlich, eine gute Erklärung wie einzelne Abschnitte gedreht wurden. Ersichtlich darin ist auch, dass sehr viel Spaß, Liebe und sehr viel Zeit-u. Organisationsaufwand in das Filmprojekt gelegt wurde.
Persönlich bin ich eher Realist und enthalte mich gerne von an der Haaren herbeigezogene Themen, Scenen, Berichten, ...
Angefangen hat es beim Weckerwurf an den Kasten oder Wand mit Schwenk auf den Boden, wo sich schon mehrere Weckgeräte ansammelten. Bei diesem Zerstörungsanfall(en) war noch ein Schmunzeln fällig. Ist ja nett wenn man das Leben noch so in den Griff bekommt.
Nicht folgen konnte ich einigen Scenen, die subjektiv gesehen sehr überzeichnet sind und nicht dem wirklichen Leben, der Realität entsprechen.
Es sind auch einige kriminalnahe Aktionsscenen enthalten, die zwar tägliche Realität sind, aber bei einem Beitrag zum GD eher ausgeblendet gehören.
Ein negativer Tatsch geht auch in Richtung Ordnungsliebe, Kleider am Boden, Flaschen, Durcheinander jeder Art, ...
Das Spiel einer Partnerschaft über einen Zeitabschnitt, mit Liebe, Gerangel und Gewalt kann ich mir im wahren Leben schwer vorstellen. Na ja, es ist ja auch ein außergewöhnlicher Film zum GD.
"Under Pressure / Unter Druck bzw auch wie am FlipChart ersichtlich "das Leben in den Griff zu bekommen" als Film im Komikbereich OK, aber einen Bezug zur Realität, denn stelle ich mir anders vor.
Filme müssen nicht immer die äußere Realität abbilden. So wie es die alten Märchen tun, kann eine überzeichnete Handlung eine innere Realität freilegen und Begriffe wie Macht, Gier, Hoffnung oder Zweifel sichtbar machen. Niemand würde behaupten, dass die Handlung von Nestroys "Lumpazivagabundus" realistisch ist - und doch stellt sie eine Wahrheit dar, die tiefer geht, als es der oberflächliche Augenschein unserer Alltagsrealität erkennen lässt. Nur Mut zur Überzeichnung! Märchen lügen nicht.
Hallo Daniel,

du reichst jetzt schon seid Jahren Filme beim GD und ich bin jedes Jahr aufs Neue erstaunt! Du machst enorme Fortschritte und legst eine beeindruckendende Entwicklung an den Tag. Bravo!

Der Musik-Bild-Schnitt bei "Under Pressure" ist dir wirklich hervorragend gelungen, das zeigt wie viel Gefühl du für das Medium hast. Meine Lieblingsszene: Splittscreen-Sequenz im Badezimmer. Toller Rhythmus bei Einstellungen, Musik und O-Ton - wirklich fein!

Bei manchen Kampfszenen hätte ich mir gewünscht ihr wärt die Choreographie vorab öfter durchgegangen und hättet mehr Einstellung versucht. Der "Flow" der Szenen kommt immer wieder ins stocken - da helfen auch schnelle Schnitte nicht. Außerdem würde ich dir empfehlen bei diesen Szenen stärker auf den Ton zu achten und entweder am Set zur Sicherheit Nur-Ton-Aufnahmen zu machen, oder mehr mit Soundeffekten aus der Dose zu arbeiten. Manchmal hatte ich auch das Gefühl den Spaß zu spüren der am Set herrschte. Bei einer Kampfszene nicht optimal - ein bißchen mehr Ernsthaftigkeit bitte! ;) Ich kenn das Potential von deinem Team und dir in Kampf-Angelegenheiten und freue mich auch hier auf eine Steigerung.

Zur Story - hier kann ich mich Ip völlig anschließen (Kein Wunder, schließlich versuch ich seid Jahren von ihm zu lernen... ;)) . Niemals vergessen die Geschichte zu erzählen - und Längen vermeiden!

Fazit: Story schärfen, Kampfszenen exakter setzen und lieber weniger als zu viel. Ich freue mich schon sehr auf dein nächstes Werk - weiter so!

Lieben Gruß,
Michael
Wow, ... es ehrt mich dass unser Film als erstes hier zu Diskussion steht und es freut mich sehr, so umfassende Statements von euch erhalten zu haben. Mal sehen ob ich hier eine gute Erklärung abliefern kann.
Vorweg möchte ich kurz unsere Beweggründe bzw. die Hintergründe unseres Films erläutern:

Die Grundidee war eigentlich eine ganz Andere. Auf Grund der Tatsache, dass die Hauptakteure unseres Teams aus dem Kampfsportbereich kommen, wollte wir anfangs einen Film drehen der die Thematik „Kampfsport im Alltag“ dem Zuseher auf komische Weise etwas näher bringen sollte. Während des ersten Drehtages haben wir – viel zu spät - nach einem durchgehenden roten Faden in unserem Film gesucht und so wuchs während der Dreharbeiten die Idee des „zwanghaften Wettstreits“ bzw. „Under Pressure“ also „Unter Druck“ zu handeln.
Hier kam nun dass erste Problem auf uns zu. Wir hatten zwar dieses Mal von Anfang an ein Drehbuch, welches jedoch nicht detailliert genug war. Es diente uns nur als Grundgerüst mit Anhaltspunkten. So ließen wir uns verleiten, die Geschichte „umzudichten“. Dies hatte zwar zur Folge dass wir nun „ein Grundproblem“ darstellten, dass wir im Laufe des Films versucht haben zu „bearbeiten“, jedoch wurde von uns die Konsequenz der Charakterdarstellung dadurch vernachlässigt und nicht so sehr beachtet. Um diese Inkonsiquenz zu umgehen, haben wir - teilweise vl. zu zwanghaft – versucht durch überzeichnete Handlungen – sei es das Brotschneiden, der Fang der Zeitung od. einfach das Aufstehen aus dem Bett – einige Pointen zu erzeugen. In diesen Überzeichnungen spiegelten sich nun einige der Grundaspekte unserer ersten Filmidee (aus dem Kampfsport) wider.
Ich denke wir haben durch diese Vermischung der beiden „Probleme“ bzw. Ansatzpunkte zwar einen mehr oder weniger abwechslungsreichen und ganz ansehnlichen Film produziert, die eigentliche Message – wie von Ip und Michael bereits angesprochen wurde – ist hier jedoch verloren gegangen.
Im Eifer des Gefechts wollten wir soviel als möglich in diese 15min reinpacken.

In Bezug auf die Dreharbeiten: Ja, für uns ist zu einem Großteil das Sammeln von Erfahrungen, die Umsetzung von Gedanken in Bildern und vor allem der Spass im Vordergrund gestanden (wie Michael (leider) richtig erkannt hat sieht man dies bei der einen oder anderen Kampfszene ;-) ).
Der Zusammenhang zwischen einzelnen Szenen war uns dennoch sehr wichtig. So zum Beispiel die Situation mit dem Wecker (kaputt schlagen – neu kaufen – läutet wieder).
Im Grunde haben wir in den letzten Jahren zusehend versucht unsere Fähigkeiten in der technischen Umsetzung, sprich Kamera, Schnitt & Ton, zu verbessern. Jetzt liegt es daran den Background, das Drehbuch, etc. und vor allem unser „Timemanagement“ zu „optimieren“ damit zB die Kampfszenen öfter durchgegangen werden können.

Möchte hier vielleicht neben der eigentlichen Filmdiskussion fragen, welche Stelle euch in unserem Film am Besten gefallen hat und warum?
Sehe die derzeitigen Kommentare als enorme Bereicherung welche bei zukünftigen Projekten bestimmt Beachtung finden werden und freue mich über jede weitere Stellungnahme. Danke.

Lg Daniel und Team
wollte nur kurz etwas zu einem Thema sagen das sich durch diese Diskussion zu ziehen scheint. Du hast ja gemeint ihr habt das Drehbuch eher als Gerüst verwendet, was den schauspieler meistens zu gute kommt. Ich hatte aber schon während ich mir den film angesehen hatte das gefühl als hättet ihr euch zusammengesetzt, ein brainstorming veranstaltet, und dann vergessen die Ideen auszuwerten...es sind einige dinge die aus der spontanität des drehbuchs heraus geboren worden sind, (das beispiel mit den weckern ist oft gefallen) und dann aber nicht nochmal ausgelotet wurden. eher nach dem motto: "das währ doch auch lustig, mach ma!"

würd sagen entweder ihr büst an spontanität ein und überlegt beim anlegen des drehbuchs schon was reinkommt, und lasst euch offen wie die szene gespielt wird...oder aber ihr habt euren spaß, und siebt dann das material bei der postproduktion noch mal durch...

mfg

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