Lang erwartet, aber nun geht es im Neuen Jahr in die nächste Runde. Hier unser nächser Filmanalysefilm: "Die Burgerlhütte geht auf Reisen" von Gerold Sturm
Dieser Film lebt von den spektakulären Aufnahmen, die ein spektakuläres Unternehmen wie der Transport eines relativ großen Hauses über schmale Landstraßen bietet. Man hätte aber noch viel mehr herausholen können. Dieser Film begeht den gleichen Fehler, den viele Hollywood-Produzenten machen, nämlich wenn sie glauben, der Unterhaltungswert eines Filmes erhöhe sich mit der Anzahl der spektakulären Aufnahmen. Aber irgendwann werden einem die explodierenden Autos und brennenden Hubschrauber und von hohen Klippen springenden Stuntmen in den Hollywood-Schinken auch fad. Und so hat man sich bald auch an den Bildern vom Haus auf Rädern satt gesehen. Was schade ist. Denn spektakuläre Szenen können einen enormen Wert haben, wenn sie dazu dienen, etwas Menschliches zu charakterisieren.
Ich möchte als Beispiel den umstrittenen Sylvester-Stallone-Film „Rambo“ – und zwar den ersten – erwähnen, der in Wahrheit nicht nur ein hirnloses Actionspektakel ist, sondern der durchaus kritisch den Umgang der amerikanischen Kleinhäuslergesellschaft mit dem Problem der Vietnam-Heimkehrer aufarbeitet. Wenn in diesem Film etwas explodiert, dann ist es nicht nur Selbstzweck. Es charakterisiert die Stimmung des Landes, das Gewaltpotential, das vorhanden ist und die enorme Aggression, die der Frust über den verlorenen Vietnamkrieg bei den Amerikanern hinterlassen hat. Darum war der Film auch ein großer Erfolg, weil er auf der Ebene des Unterhaltungskinos etwas Profundes zum Ausdruck gebracht hat.
Nun, wie komme ich von der Burgerlhütte zu Rambo? Auch der spektakuläre Transport der Burgerlhütte steht für etwas. Wieso macht sich jemand die Mühe, ein Haus über Stock und Stein zu transportieren, anstatt einfach ein neues Haus zu bauen? Wer steckt hinter so einem Unternehmen? Wer hängt da so an einer alten Behausung und wie war das für die Beteiligten? – All diese Fragen lässt der Film leider völlig offen. – Ja, man kommt gar nicht auf den Gedanken, dass da Menschen dahinterstecken, die diese Idee geboren haben.
Hier ein Beispiel wie man den Film hätte aufbauen können:
1. Das Problem: die Hütte muss weg. Wie löst man das? Wir lernen die Menschen in einem Interview kennen. Wir sehen die Hütte. Wir verstehen das Problem.
2. Eine verrückte Lösung: Die Geburt der Idee das Haus auf Reisen zu schicken. Verschiedene Meinungen der Beteiligten, was sie sich dabei gedacht haben, als sie davon erfahren haben.
3. Kann es gelingen? Fachleute gehen die Strecke ab. Überprüfen die Fundamente, messen die Höhe der Hindernisse, finden die ideale Route. Ein Fachmann spricht über die „haarigen“ Streckenteile (es wird Spannung aufgebaut, ob das Haus an dieser Stelle durchkommen wird).
4. Der Initiator spricht über seine Idee, seine Vision, seinen Traum.
5. Die Fahrt der Burgerlhütte. Jetzt haben wir den spektakulären Höhepunkt erreicht. Inzwischen kennen wir die Menschen, die hinter dem Unternehmen stecken, kennen die technischen Probleme und können mitfiebern. Jede Einstellung der Fahrt bekommt dadurch SINN.
6. Es ist gelungen. Es wird gejubelt und gefeiert.
7. Die Burgerlhütte steht ruhig an ihrem neuen Standort, als ob nichts gewesen wäre.
Den Punkt 7) habe ich von der an sich guten Idee des Films übernommen, das Haus friedlich mit Naturgeräuschen am Anfang und am Ende des Films zu zeigen. Was ich beschrieben habe, ist natürlich nur ein Vorschlag. Man hätte den Film auch ganz anders machen können, z.B. indem man dem Haus eine lustige Stimme gibt, und die Reise auf humorvolle Weise aus der Sicht des Hauses schildert. Der Film hätte dann einen Sprechertext haben können, der etwa so anfängt: „Hallo! Ich bin die Burgerlhütte. Seit Jahren stehe ich hier rum – und um ehrlich zu sein, langsam wurde mir das langweilig. Also habe ich mich auf eine kleine Reise begeben...“ Etc.
Es gibt unendlich viele Möglichkeiten dieses Thema dramaturgisch aufzubereiten. Man hätte auch eine rein technische Dokumentation daraus machen können. Probleme der Statik, der Kraftleistung, der technischen Hilfsmittel hätte man sehr nüchtern und informativ schildern können. Aber alle Varianten haben eines gemeinsam: sie verleihen den Bildern einen höheren Sinn. Tipp: Wenn man sich einmal für einen roten Faden entschieden hat, dann sollte man ihn beibehalten. Das macht den Film dichter und verständlicher. Und der Sinn wird klarer.
„Die Burgerlhütte geht auf Reisen“ ist ein Film voller großartiger Aufnahmen – fehlt eben nur noch das nötige Quäntchen Dramaturgie, das ihnen auch einen tieferen Sinn verleiht.
Er hat Charme, wenn auch zu viele Aufnahemn von Vorne auf Traktor mit Haus.
Im Grunde hatte ich den gleichen Gedanken beim Anschauen wie lp Wischin: es fehlt der Aufbau. Aber ich hatte im Gegensatz zu lp eher das Gefühl das der Film gar keine dramaturgisch funktionierende Geschichte erzählen will. Keine 2-Hunde-und-ein-Knochen-Story. Aber auch wenn der Film allein die Reise des Hauses erzählen will, hätte man das besser zur Geltung bringen können. Man hätte das Haus etwas weniger als Objekt, das von A nach B bewegt wird, darstellen sollen, sonder vielleicht mehr als eine Rarität an dem Gefühle hängen. Ein paar variirende Kameraeinstellungen [etwa vom Zaunpfahl, damit man genau sieht wie eng es wird, ängstlich gestikulierende Helfer, und am Ende den Besitzer der das Haus tätschelt, glücklich, dass die Reise ein glückliches Ende gefunden hat] wären meiner Meinung nach nicht schlecht gewesen.
Ich fühlte mich etwas an die Reise des Orcas in Free Willy erinnert, nur ohne den Jungen Jesse der um ihn zittert. Ohne den Jungen wäre auch diese Reise nicht das was sie ist.
Etwas mehr Nähe zum Haus, auf Gefühlsebene wie Kameratechnisch, wäre wohl nicht schlecht gewesen. Trotzdem ist ein Film mit Charme, Identität, und viele tollen Aufnahmen entstanden.
Also ich finde der Film wurde mit sehr viel Liebe gemacht.
Den genauen Background kenne ich nicht - wahrscheinlich niemand von uns - aber neben den allgemeinen Verbesserungsvorschlägen, wie mehr unterschiedliche Kameraperspektiven, Ausschmückung des "Ablaufes" oder der fehlenden Geschichte möchte ich hier vermuten, das all dies wahrscheinlich nicht "geplant" war.
Ich denke, es handelt sich bei diesem Film um eine "Spontanproduktion" - Warum?
Nun ja im Vorfeld wurden sich mit ziemlich großer Sicherheit alle möglichen Gedanken über dieses Unterfangen gemacht. Nur nicht - dass man(n) genau diese Situation (also die Vorbereitung) auch auf Film festhalten könnte. Nun kam dann der große Tag und man erkannte das es etwas ganz Großes, etwas Besonderes und weitläufig Einzigartiges sein wird. Der Gedanke dieses Unterfangen auch auf Video für die Nachwelt festzuhalten wurde "geboren".
Gesagt getan - und es wurde keine schlechte Arbeit geleistet.
Möchte mich jedoch hier auch der Meinung anschließen, dass der Film bestimmt noch interessanter geworden wäre, wenn man auch mehr Kleinigkeiten festgehalten hätte (zB mal die Räder des Anhängers filmen wie er die eigentliche Last abfedert, oder die (besorgten und angespannten) Leute im Umfeld, eventuell ein Schwenk aus dem Führerhaus vom hochkonzentieren Fahrer auf die Fahrbahn und zurück auf die Tachoanzeige, etc. etc.)
Wir wissen es nicht, aber vielleicht war der Kameramann eine Person, welche der Hütte sehr nahe stand (vl. sogar der Inhaber selbst) und somit bei diesem Unterfangen selbst sehr unter Anspannung. Hier wird dann einfach auf ein detailliertes und (semi)-profimäßiges Filmen nicht mehr geachtet.
Hier hätte vl. ein externe Person "beauftragt" werden können, um all diese fehlenden Punkte abzudecken.
Ich denke das Ergebnis lässt sich nur bei mehr Backgroundwissen besser analysieren.
Allgemein betrachtet denke ich, dass dieser Film eine sehr persönliche Note trägt, von einer großartigen Idee getragen wurde, ohne viel "Rundherum-schnickschnack" die Geschichte transportiert und einzigartige Bilder zeigt. An Punkten wie der abwechslungsreichen Kameraführung, ev. dem spannungsförderdem Schnitt und der "Ausschmückung" der Ereignisse kann beim nächsten Projekt immer noch gefeilt werden ;-)
Zuerst mal vielen Dank für die vielen sachlichen und hilfreichen Hinweise, die bisher geschrieben wurden.
Eine kurze Info zur Entstehung des Filmes:
Es ist eine Live-Dokumentation! Ich habe von der Bauernfamilie am Vorabend von diesen Transport erfahren und mich am nächsten morgen auf den Berg begeben. Natürlich zu spät, da das Abheben der Hütte schon vorbei war. Bei der Talfahrt hatte ich Mühe immer ein Stückchen mit dem Auto vorauszufahren, aus dem Auto zu springen und eine kleine Szene zu filmen. Natürlich konnte ich nicht den Traktor aufhalten und sagen "kann ich ein bißchen filmen", auch den Kranführer konnte ich nicht von der Arbeit aufhalten. "Zeit ist Geld".
Mir ist klar, dass man beim Filmemachen immer Kompromisse eingehen muss, und dass das, was ich in meiner Analyse beschreibe, einen Idealfall herbeiwünscht. In einem Fall wie diesem, wo man aus heiterem Himmel mit einem Filmprojekt konfontiert wird, bleibt einem nichts anderes übrig, als sich Material im Nachhinein zu holen. Als z.B. Interviews mit den beteiligten Personen kann man sogar jetzt noch nachdrehen - und dann könnte man z.B: eine "Special Edition" der Burgerlhütte schneiden. Das fände ich sehr spannend. Immer daran denken: Gute Filme handeln von Menschen!