Goldener Delfin

Filmanalyse - ČEMODĀNS (The Suitcase)

Hallo ihr Lieben, ich freue mich eine weitere unserer Filmanalysen eröffnen zu dürfen: Diesmal wird ČEMODĀNS von Pyotr Magnus Nedov genauer durchleuchtet. Ihr seid herzlich eingeladen eure Meinung, Tipps Verbesserungsvorschläge und natürlich auch Lob zu posten. Aber zuerst seht selbst hier ist der Film:


.

Seitenaufrufe: 11

Eintrag hinterlassen

Antworten auf diese Diskussion

Herrlich!
Menschen aus Fleisch und Blut! Handlung Nebensache, Machart durchaus in Ordnung – aber: dieser Film handelt von Menschen. Das ist sehr erfreulich.

Sehen wir uns nun die Dramaturgie im Detail an: die Kameraeinstellungen sind relativ beliebig gewählt und imitieren die äußere Form von Musikvideos. Die Abfolge der Einstellungen ist etwas seltsam:

1. Das erste, was wir sehen, ist eine Frau, die einen Koffer trägt. Die Kamera zoomt rasch auf sie zu.
2. Dann sehen wir eine aufwendige Kamerafahrt durch eine Straße, bei der wir uns von hinten oben drei Jugendlichen nähern. Der Sinn der Fahrt ist etwas rätselhaft.
3. Wir sehen die Jugendlichen von vorn, die irgendwie ziellos herumstehen.
4. Wieder die Frau mit dem Koffer. Wieder zoomt die Kamera rasch auf sie.
5. Jetzt zeigt einer der Jugendlichen in eine Richtung und alle beginnen in diese Richtung zu laufen.
6. Die Frau blickt in Richtung Kamera und beginnt ebenfalls zu laufen.

Soweit die ersten sechs Einstellungen. Die Funktion der Kameraeinstellungen, Bewegungen und Perspektiven sind wild durcheinander gewürfelt. Versuchen wir das einmal in Literatur umzusetzen, um die adramaturgische Beliebigkeit der Einstellungen zu veranschaulichen. In einem Roman würde das so klingen:

1. Sie wurde entdeckt, als sie den Koffer trug.
2. Eines Tages, auf einer Straße in Riga, trieben sich ein paar Jugendliche rum.
3. Es waren drei Jugendliche, die nichts Rechtes mit sich anzufangen wussten.
4. Sie wurde entdeckt, als sie den Koffer trug.
5. Die Entdeckung machte einer der drei. Er zeigte. Sie liefen.
6. Die Frau sah uns und begann zu laufen.

In literarischer Form klingt diese Abfolge ziemlich avantgardistisch. Dagegen ist nichts einzuwenden. Allerdings habe ich den Verdacht, dass der Herr über diesen Schnitt nicht die Dramaturgie, sondern die Musik war. Und da sind wir beim Schwachpunkt vieler Kurzfilme angelangt. Sie sind schwer mit Musik überfrachtet, als misstrauten sie der Kraft der Bilder. Die Sehgewohnheit bei täglichem MTV-Konsum hat viele Filmemacher desensibilisiert und sie sagen sich, lieber zu viel Musik als zu wenig. Wie wirkungsvoll ist Musik, wenn sie eine Emotion, die die Bilder zunächst ohne ihre Unterstützung geschaffen haben, am Höhepunkt noch richtig kanalisiert! Wenn die Musik als letztes Tüpfelchen auf dem „i“ noch eins draufgibt! Oder wenn es ihr gelingt, einen Übergang zwischen zwei Szenen elegant zu gestalten, wie die Zwischenmusik im klassischen Theater! – Hier wird aber gleich alles von Anfang an zugekleistert, was Stimmung und Emotion eher behindert.

Als Filmemacher sieht man beim Musikhören oft Bilder vor dem geistigen Auge. Man genießt den Klang, während im Kopf wilde Bilder ablaufen, die einem wahrlich virtuos anmuten. Meist sind diese Bilder aber unsere Privatangelegenheit und lösen – wenn man sie verfilmt – nicht die erwarteten Reaktionen aus. Denn die Filmsprache ist etwas, das der Allgemeinheit gehört und von unserer privaten Vorstellung grundlegend verschieden ist. Und allzu oft entstehen im Kopf des Musikhörers doch nur visuelle Gemeinplätze.

Ich appelliere an alle Filmemacher, der Musikinflation entgegenzuwirken und plädiere auch für eine Entschleunigung der Filmsprache. Denn auch Tempo kann Selbstzweck sein.

Das Herzstück des Films sind die Dialoge, obwohl auch hier das stumpfsinnige Klopfen der Musik nie ganz verstummt. Die Schauspieler sind gut geführt, spielen erfreulich unkrampfig – und man könnte sich vorstellen, dass dieser Film ein interessantes Kammerspiel geworden wäre, wenn er sich mehr Stille und mehr Filmmeter für die Szene zwischen Maler und Pantomimin gegönnt hätte. Die Handlung und der zentrale Gegenstand – der titelgebende Koffer – sind absolute Nebensache. Aber das ist, wie gesagt, auch gar nicht so wichtig.
Es ist ein eigenartiges Gefühl sich als Amateur so gegen den Experten aufzulehnen ;), aber ich persönlich muss in fast allem Widersprechen:

Ich finde es schön wie die Musik die Erzählstränge der Frau und der Jugendlichen, die Anfangs keinen Zusammenhang haben zusammenhält. Alle Kameraeinstellungen/-fahrten drängen nach vor, in Richtung der Frau bzw weg von der Straße. Nur die Einstellung die das Nichtstun der Jugendlichen zeigt ist bis auf einen kleinen Schwenk recht statisch. Da kein Dialog ist darf, denke ich, die Musik ruhig den Schnitt anschieben, etwas Stress erzeugen. Die Schnittgeschwindigkeit ist gut genug gewählt um die Verfolgungsszene zu beschleunigen und bei der Kofferszene, die mir etwas zu offensichtlich zur Prägung auf den Koffer existiert, zu entschleunigen.

Was ich wirklich schlimm finde ist die Intensität mit der die Musik im Folgenden vorherrschend ist. Es wirkt fast so als würden Musik und Dialog sich gegenseitig den Platz streitig machen wollen. Ständig harte Schnitte in der Tonspur, ständig laute Musik oder lauter Dialog, zu oft sogar beides, keine wirkliche Ruhe.

Auch ich hätte in der Maler-Szene etwas längere Takes verwendet, aber jeder wie er meint.

lg
Erstmal vielen Dank für euer Feedback (freu´ mich natürlich auch auf weitere produktive Kritik)!

Hmm, ich muss grundsätzlich sagen, dass es mich auch gestört hat, dass die Musik auch in den Dialogszenen zu hören ist. Dafür habe ich mich aus 2 Gründen entschieden. Erstens, weil ich beim Tonschnitt den Eindruck hatte, dass der OTon zu rauschig ist und zweitens bin ich dazu verleitet worden, weil der Text des Liedes, das von einem der Filmdarsteller komponiert wurde, die Botschaft des Films problematisiert (diese Lesart geht natürlich verloren, wenn man nicht Russisch kann- aber ich wollte das damals als Subtilitätsnote und/oder als weitere Lesart des Films mitschwingen lassen;)). Dass der Musiktext mit dem gesprochenen Text im Film in Konkurrenz tritt, machte für mich daher filmsemiotisch auch Sinn.

Die Szene, die als "Es waren drei Jugendliche, die nichts Rechtes mit sich anzufangen wussten" ausgelegt wurde, sollte eigentlich 3 Leute zeigen ( 2 der "Jugendlichen" waren Mittdreißiger), die auf der Suche nach jemandem sind, den sie aus den Augen verloren haben. Als sie diese Person wieder entdecken, nehmen sie die Verfolgung auf.

Grüsse,
Magnus


ps: ich hätte übrigens den ganzen Film länger gemacht, was leider aus vielen verschiedenen Gründen nicht möglich war.

RSS

Mitglieder

Powered by

Telekom Austria

Sonovista

Citizen Media - Social Change

Engerwitzdorf

Goldener Delfin

Team buntes Fernsehen

© 2012   Erstellt von Goldener Delfin.

Badges  |  Ein Problem melden  |  Nutzungsbedingungen